ÜBERSTROM

Buch-Rezension

Sybille Krämer: "Der Stachel des Digitalen. Geisteswissenschaften und Digital Humanities"

von Mario Donick

06.02.2026

Mit "Der Stachel des Digitalen" (2025) legt Sybille Krämer ein Buch vor, das weit mehr tut als das Verhältnis von "Geisteswissenschaften und Digital Humanities" (so der Untertitel) zu verhandeln. Es ist eine lesenswerte Kulturgeschichte der Digitalisierung, die lange vor den ersten Computern begann.

Eine abstrakte computergenerierte Darstellung, die an eine schwarz glänzende Leiterplatte erinnert. Auf der linken Seite sind zahlreiche blau leuchtende Nullen und Einsen zu sehen. Daneben sind mehrere leuchtende Farbpunkte. Von diesen gehen mehrere dünne bunte Linien aus. Die Linien bilden ein verzweigtes Netz. Die Darstellung der Linien erinnert auch vage an ein künstliches neuronales Netz.

Bild: Shutterstock

Der Diskurs um sogenannte 'KI'-Systeme (im Moment sind das vor allem Large Language Models/LLMs und bildgenerierende Modelle) ist vielschichtig, aber in der breiten Wahrnehmung dominieren gerade relativ kritiklose Faszination und Begeisterung. Man kann in keine Bahnhofsbuchhandlung gehen, ohne auf Ratgebertexte zu stoßen, die eine 'erfolgreiche' Nutzung von 'KI' versprechen.

Ratgeber zielen auf das Erlernen von 'KI' als Werkzeuge ab, um damit effizienter oder kreativer zu sein. Sie stellen Modelle verschiedener Anbieter in Produkttests gegenüber oder geben Tipps zum richtigen Prompting. Auch große Online-Portale bieten solche Ratgeber an, zuletzt etwa der Spiegel, der Studierenden erklärte, wie sie sich das Schreiben von Hausarbeiten mit Chatbot-Hilfe erleichtern können. Parallel wird an Universitäten und Hochschulen debattiert, welche Prüfungsformate heute überhaupt noch möglich sind. Und auch Kinder und Jugendliche müssen natürlich fit gemacht werden für die offenbar als unvermeidlich und alternativlos angesehene 'KI'-Gesellschaft.

Kritik an 'KI' findet dagegen in den weit verbreiteten Medien kaum statt. Für Begriffskritik und -historie ist genausowenig Platz wie für Aufklärung über die vielfältigen moralischen Probleme der 'KI'-Nutzung (die alle mit unterschiedlichen Formen der massiven Ausbeutung von Umwelt, Ressourcen und Menschen zu tun haben). Auch für Informationen über die politischen Verstrickungen der 'KI'-Konzerne ins rechtslibertäre bis mittlerweile offen faschistische politische Spektrum muss man eher kritischen Personen in Social Media folgen oder speziellere Fachartikel lesen.

Geisteswissenschaften und Digitalisierung

Irgendwo in diesem weiten Spektrum von Begeisterung bis Grundsatzkritik steckt auch die Frage, wie sich traditionelle Geisteswissenschaften zu 'KI' verhalten sollen (der Hausarbeits-Ratgeber im Spiegel ist eine Spur davon). Disziplinen, deren ureigenste Kompetenz die Nutzung menschlicher Analyse- und Interpretationsleistung und das Produzieren von Texten ist – jene komplexe Geistesarbeit, deren Praxis vor einigen Jahren Steffen Martus und Carlos Spoerhase selbst zum Thema einer geisteswissenschaftlichen Analyse gemacht haben.

Schon vor dem Aufkommen derzeitiger 'KI'-Systeme entstand mit den Digital Humanities ein neuer Forschungszweig, der von vielen als sinnvolle Bereicherung des Umgangs mit geisteswissenschaftlichen Fragestellungen angesehen wird, von manchen aber auch als Bedrohung wahrgenommen. Denn (einmal provokant gefragt) was können uns oberflächliche Analysen großer Datenmengen schon mitteilen, wenn doch für die echten Fragestellungen, etwa zur Genese und Bedeutung von Texten, Genres, Ideen, Themen, Formen, usw. in die Tiefe gebohrt werden muss?

Eine ganze Menge, wie die Philosophin Sybille Krämer in ihrem Buch "Der Stachel des Digitalen. Geisteswissenschaften und Digital Humanties" (Suhrkamp, 2025) in 12 Kapiteln ("Thesen") interessant und nachvollziehbar zeigt. Traditionelle Geisteswissenschaften mit ihren oft hermeneutischen Interpretationsverfahren und ihrem close reading von einzelnen Medien (Text, Bild, Musik usw.) einerseits und Digital Humanities mit computergestützten Analysen großer Datenmengen andererseits werden von Krämer nicht als Konkurrenten, sondern als sich sinnvoll ergänzende Partner angesehen. Und mehr noch: Krämer zeigt, dass Digitalisierung eigentlich schon immer im menschlichen Umgang mit Zeichensystemen und Texten angelegt war.

Krämer setzt dabei Digitalisierung nicht mit Computertechnik gleich. Sie setzt grundlegender an:

"Zu digitalisieren heißt etwas, das als relativ kontinuierlich anzusehen ist – und damit die Rolle eines 'Analogen' einnimmt –, so in diskrete Elemente zu zerlegen, dass diese codiert und relativ unabhängig voneinander (re)kombiniert werden können. In dieser Perspektive bilden bereits Alphabete Frühformen des Digitalen." (S. 36)

Denn "zwischenmenschliche Kommunikation" sei

"ein Ereignis, in dem sich Mimik, Gestik, Prosodie, Deixis und Verbalität verbinden und verbünden, eingelassen in die voluminöse Körperlichkeit und Fülle der Welt. Aus diesem 'Gesamtkunstwerk' der Kommunikation separiert und isoliert die Buchstabenschrift den verbalen Strang […] Erst mittels der Schrift sedimentiert sich die verbale Dimension von Kommunikaton zu relativer Gegenständlichkeit und wird dadurch beobachtbar und analysierbar." (S. 39)

Das Material, mit dem traditionelle Geisteswissenschaften arbeiten, liegt in dieser Sicht also immer schon 'digital' vor. Es ist die Komplexitätsreduktion einer (wenn wir es einmal neophänomenologisch ausdrücken) ganzheitlichen Situation auf eine Konstellation, durch die es überhaupt erst handhabbar wird.

Die Rolle der 'KI'

Vor diesem Hintergrund erfolgen auch Krämers recht ausführliche Bemerkungen zu derzeitigen 'KI'-Systemen, also Sprachmodellen (LLMs), die uns momentan vor allem in Form von Chatbots begegnen. Bei solchen Systemen kommt es häufiger zum Phänomen der Personifizierung, d.h. dem unwillkürlichen Eindruck, es nicht mit automatisch generierten Textmengen zu tun zu haben, sondern (scheinbar) mit einer Person.

Aus Sicht der soziologischen Systemtheorie (nach Niklas Luhmann) hat Florian Muhle erläutert, was es mit solcher Personifizierung auf sich hat: "die Bildung personalisierter Erwartungen ist in diesem Kontext als ein Prozess zu verstehen, in dem Kommunikation Zurechnungspunkte für Mitteilungen errechnet und diese damit als für Kommunikation adressabel behandelt" (Florian Muhle: Soziale Robotik: Eine sozialwissenschaftliche Einführung, De Gruyter, 2023, S. 198).

Dabei ist nicht wichtig, ob diese Adresse wirklich eine Person ist oder nicht. Systemtheoretisch geht es um Beobachtung von Umwelt als etwas. Solange sich die beobachtete Entität wie eine sozial zurechenbare Adresse verhält, wird sie erstmal so behandelt: "mit Personifizierung [geht] zwar die Unterstellung einher, es mit einem Alter Ego zu tun zu haben, hierfür [ist] aber zugleich nicht erforderlich, dass eine als Person beobachtete Entität tatsächlich auch ein intentional agierendes Subjekt ist" (ebd.).

Dieser Verweis auf die Systemtheorie erfolgt hier, weil auch Sybille Krämer systemtheoretische Perspektiven auf 'KI'-Chats prüft. Der Reiz von Luhmanns Kommunikationsbegriff liegt für Krämer in der "Abspaltung psychischer, mental-individueller Dispositionen von der gesellschaftlichen Funktion von Kommunikation" (Krämer 2025, S. 204). Da LLM-basierte Chatbots keine Personen sind, kein Bewusstsein haben und auch nichts von dem verstehen, was sie generieren, aber trotzdem "zur Fortsetzbarkeit von Kommunikation beitragen" (ebd.), erscheint der abstrakte Kommunikationsbegriff der Systemtheorie vielversprechend.

Ein weiterer Grund ist der menschliche Zugang zu Technik, die wir ja oft nutzen, ohne sie zu verstehen oder ihre innere Funktionsweise nachvollziehen zu können. Hier gleicht nach Krämer (die sich da auf Elena Esposito bezieht) soziale Kommunikation dem Umgang mit Deep Learning-Verfahren und 'KI'-Chats. So wie wir keinen Zugang zu den psychischen Systemen unserer menschlichen Kommunikationspartner haben, so intransparent sind für uns (aus Nutzer*in-Sicht) auch Deep-Learning-Verfahren und die künstlichen neuronalen Netze hinter LLMs.

Doch letztlich lehnt Krämer es ab, den Umgang mit 'KI'-Chats als Kommunikation zu bezeichnen – auch nicht, wie Esposito, als "künstliche Kommunikation". Denn selbst der abstrakte Verstehensbegriff der Systemtheorie wird durch Chatbots nicht erfüllt. Chatbots können die Unterscheidung von Mitteilung und Information nicht leisten: "Es sind die Eingriffe der das antrainierte Maschinenlernen korrigierenden Clickworker [Hervorh. i.O.] wie auch die von Nutzerinnen in den Chats akzeptierten Äußerungen, die dafür sorgen, dass Chatbots (zumeist) für Menschen akzeptable Zeichenfolgen erzeugen" (ebd., S. 206).

Krämers eigener Zugang betont diese Texthaftigkeit der Chats als "kurze Buchstabenzusammenstellungen inklusive Leerräumen" (ebd., S. 195). Nach Krämer sind 'KI'-Chatbots "technische Medien und keine sozialen Juniorpartner dialogischer Kommunikation" (ebd., S. 207). Funktion und potenziellen Nutzen von LLMs sieht Krämer daher auch eher in einem Feld, der zu den Digital Humanities anschlussfähig ist, nämlich in der Zugänglichmachung von Daten und von Beziehungen zwischen Daten, die sonst vielleicht unbemerkt bleiben: "Durch die Mediation der KI-gestützten Large Langue Models wird das kollektiv Unbewusste literaldigitalisierter Gesellschaften, also die tokenstatistische Verfassung des digitalisierten Datenuniversums, zu einer Ressource für Individuen“ (ebd.).

Ein weiter Bogen

Zwischen der Entstehung von Alphabeten und den heutigen 'KI'-Systemen liegt ziemlich viel Menschheitsgeschichte, und zwischen Krämers These 1 zu Frühformen der Digitalisierung, ihrer These 11 zu 'KI'-Systemen liegt ein ganzes Buch. Unter anderem zeichnet Krämer Entwicklungen nach von Ada Lovelace zu heutigen künstlichen neuronalen Netzen, stellt die Rolle der Anglistin Josephine Miles als "Mutter der Digital Humanities" heraus und zeigt, was Ernst Cassirer und Vílem Flusser mit der für 'KI'-Chats nötigen "Datifizierung" zu tun haben.

Wer sich für konkrete Leistungen der Digital Humanities für und mit den Geisteswissenschaften interessiert, die ohne Datifizierung und Verfahren des Deep Learning nicht möglich wären, findet dazu einige Beispiele. Besonders beeindruckend ist vielleicht das Kapitel zur Rekonstruktion der verkohlten, eigentlich unlesbaren und "verkohlten Bratwürsten" (ebd., S. 174) ähnelnden herculanesischen Papyri aufschlussreich (These 10, Beispiel II). Mehrere Jahrhunderte wurde erfolglos versucht, deren Inhalte zugänglich zu machen; teilweise wurde dabei mehr Schaden als Nutzen angerichtet. 2016 wurden die Papyri jedoch 'virtuell' entrollt, d.h. digitale Repräsentationen von ihnen angefertigt. Lesbar waren sie damit jedoch noch nicht.

Erst 2023 kam es hier zu Fortschritten. Mithilfe von Deep Learning, das auf die virtuellen Rollen angewandt wurde, konnte herausgefunden werden, wo sich Tinte befindet und wo nicht (es wurden also nicht etwa durch ein LLM einfach Zeichen behauptet; es ging nur darum, die Unterscheidung Tinte/keine Tinte zu treffen). Die mit technischer Hilfe ermittelten Strukturen wurden anschließend von Menschen als Zeichen interpretiert.

An dem Beispiel zeigt sich eine Anwendung von 'KI'-Systemen, die die Fallstricke derzeit verbreiteter Chatbots vermeidet. Das Problem ist ja nicht Deep Learning als solches. Es kann, wie hier, äußerst nützlich sein. Das Problem ist die Form, die zurzeit von Konzernen aus kommerziellen Gründen versucht wird durchzudrücken. Dass es so nicht sein muss, wird in diesem Kapitel deutlich.

Fazit

Immer wieder zeigt Sybille Krämer in ihrem Buch, wo Digital Humanities und klassische Geisteswissenschaften zusammenwirken und wo das Digitale zumindest schon angelegt war. Der Tenor des Buches ist daher auch viel versöhnlicher als der provokante Titel "Der Stachel des Digitalen" vermuten lässt.

Der Untertitel "Geisteswissenschaften und Digital Humanities" suggeriert übrigens, dass es hier nur um das Verhältnis beider Disziplinen ginge, also um eine rein innerakademische Diskussion. Doch letztlich geht es Krämer um "Digitale Aufklärung", die "ohne ein elementares Verständnis der kulturtechnischen und epistemischen Potenziale, welche die Digitalisierung bereithält, […] nicht zu haben" sei (ebd., S. 219, These 12 am Ende des Buches). Dazu leistet das Buch, das oft einfach eine spannende Kulturgeschichte analog-digitaler Geistesarbeit ist, einen lesenswerten Beitrag.

Das Buch "Der Stachel des Digitalen. Geisteswissenschaften und Digital Humanities" von Sybille Krämer ist 2025 bei Suhrkamp erschienen und kostet 24,00 EUR.

 

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