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Gliederung
- Zu viert zum Mond
- Wohlige NASA-Nostalgie
- Die NASA als positive Marke
- America Feels Great Again
- Bilder der Erde: Earthrise und Blue Marble
- Weltraumkolonien sind keine Alternative
- Nicht in die Falle des scheinbar Unpolitischen tappen
1. Zu viert zum Mond
Vier Menschen sind das erste Mal seit 1972 auf dem Weg zum Mond. Lange gab es kein Ereignis mehr, das der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA so viel positive Aufmerksamkeit einbrachte. Erstmals sind eine Frau (Christina Koch, Missionspezialistin, USA) und eine Person of Color (Victor Glover, Pilot, USA) dabei. Auch ein Kanadier (Jeremy Hansen, Missionsspezialist) ist an Bord des von der Besatzung "Integrity" getauften Raumschiffs; Kommandant ist Reid Wiseman (USA). Die NASA übertrug den Start live im Internet (🔗 YouTube-Aufzeichnung).
Die aktuelle Crew wird zwar noch nicht auf dem Mond landen, aber ihn umrunden, was spektakulär genug ist. Eine Landung auf dem Mond ist derzeit für die übernächste Mission, Artemis 4, geplant; vorher soll in Artemis 3 noch die Landefähre getestet werden. Die soll entweder von SpaceX (Elon Musk) oder Blue Origin (Jeff Bezos) gebaut werden. Das Artemis-Programm, an dessen Ende die Errichtung einer Mondbasis stehen soll (Artemis 5), kommt ohne Beteiligung libertärer Privatunternehmer nicht aus.
Aber bis dahin vergehen vermutlich noch Jahre. Einstweilen ist Artemis 2 eine vielen Menschen sicher willkommene Ablenkung. Eine Pause von den innenpolitischen und außenpolitischen Auswüchsen der zunehmend wie ein faschistisches Regime agierenden Trump-Regierung. Während die Regierung Einwohner*innen in Lager steckt und mit dem sich "Kriegsminister" nennenden Verteidigungsminister Pete Hegseth eine ganze Region und die Weltwirtschaft ins Chaos stürzt, darf die NASA den US-Amerikaner*innen noch einmal wohlige Gefühle vermitteln.
2. Wohlige NASA-Nostalgie
Auch den immer noch an den USA orientierten 'westlichen' Ländern wird das Bild einer älteren, positiveren Version der USA präsentiert. Das war ein Land, das (trotz stets vorhandener Selbstwahrnehmung als führende Nation) dennoch an internationaler Zusammenarbeit und wissenschaftlich sinnvoller Forschung interessiert war. An der Technik des Artemis-Programms zeigt sich das noch.
So wurde das Servicemodul des Raumschiffs (für Antrieb, Stromversorgung, Wasser und Sauerstoff) im Auftrag der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA von Airbus in Bremen in Deutschland gebaut; es basiert auf dem europäischen Raumfrachter ATV (Automated Transfer Vehicle), das von 2008 bis 2015 Fracht zur Internationalen Raumstation ISS transportierte. Schon wegen der funktionierenden Kooperation mit internationalen Partnern erinnert Artemis an frühere Zeiten – auch wenn die NASA und die US-Regierung aktuell nur selten darauf hinweisen.
Doch der Nostalgie-Faktor liegt auch an der im Vergleich zu SpaceX-Raumschiffen klassischeren Technik. So wurde die Raumkapsel von einer SLS-Rakete (Space Launch System) ins All gebracht. Das SLS basiert zum Großteil auf Space-Shuttle-Technologie (letzter Flug: 2011) und verwendet sogar alte Bauteile aus dem Shuttle-Programm wieder: Drei der vier RS-25-Triebwerke von SLS' Erststufe sind die Schubdüsen der stillgelegten Shuttles Discovery, Atlantis und Endeavour. Diese Bauteile waren bereits 1998, 2007 und 2010 im Weltall.
Die beiden weißen seitlich angebrachten Booster-Raketen basieren ebenfalls auf Space-Shuttle-Technik. Das oberste Segment des rechten Boosters half bereits 1982 (!), die Columbia ins All zu bringen. Andere Segmente der Booster gehörten zu einer Challenger-Mission von 1983, einem Discovery-Flug von 1988 sowie zu der katastrophal endenden Columbia-Mission von 2003. Auch der orange-braune Haupttank sieht zumindest optisch vertraut aus.
Insgesamt also war die Rakete auf der Startrampe in Florida vor blauem Himmel und grüner Landschaft mit der großen Countdown-Anzeige beim Besucherzentrum kein ungewöhnlicher Anblick und wortwörtlich ein Rückgriff auf die Vergangenheit. Sie erinnerte an die vielen Starts des Space Shuttles, die im Laufe der Jahrzehnte in den Nachrichten zu sehen waren. Auch die orangefarbenen Anzüge der Besatzung (typisch für Testpilot*innen, die neue Flugzeuge prüfen) und das vollgestopfte Innere der Orion-Kapsel wirkten 'retro'.
Das mutete ganz anders an als die klinisch-kühle Tesla-Optik der Dragon-Raumschiffe, die die NASA sonst bei SpaceX (Elon Musk) mietet, um damit mangels eigener Transportmittel zur Internationalen Raumstation (ISS) zu fliegen. Bei denen tragen die Besatzungen weiße, sehr schlicht wirkende Anzüge, das Innere der Dragon-Kapseln ist wie ein modernes Flugzeug verkleidet, auch der Startturm sieht bei SpaceX eher aus wie die Fluggastbrücken eines gewöhnlichen Flughafens.
Artemis 2 hingegen machte den Eindruck: Das hier ist noch einmal die alte NASA, die auch ohne SpaceX eine Rakete ins Weltall bringen kann – etwas clunky, aber schon auch cool (vgl. Abschnitt 3).
Auch das Präsentationsformat des Streams war klassisch: Eine Moderatorin und eine Astronautin als Expertin führten durch die Stunden bis zum Launch, mit Liveschalten zu anderen Expert*innen, kurzen Interviews mit aufgeregten Kindern und Jugendlichen, sowie Videoeinspielern mit Hintergrundinfos. Alles zusammen erweckte den Eindruck, als wären wir wieder in den rückblickend angenehm unkompliziert erscheinenden 1990ern.
3. Die NASA als positive Marke
Dazu gehört auch die Diskrepanz zwischen den zwei Rollen, die die NASA seit jeher einnimmt. Einerseits ist sie eine staatliche Behörde, die National Aeronautics and Space Administration. Andererseits tritt dieser bürokratische Status hinter die NASA als Marke zurück. Beide Rollen spiegeln sich in der grafischen Repräsentation wieder.
Insbesondere der bekannte Schriftzug mit den abgerundeten roten Buchstaben auf weißem Hintergrund und dem A ohne Querstrich wirkt ganz anders als die staatstragenden Siegel anderer US-Behörden. Die auch "worm" (Wurm) genannte Wortmarke war schlicht und futuristisch.
Das Logo entstand in einer Zeit, in der zwar das Apollo-Programm schon beendet war, aber mit dem Space Shuttle trotzdem Zukunftsvisionen verfolgt wurden. Der Prototyp des flugzeugähnlichen Raumgleiters wurde sogar nach dem Raumschiff Enterprise aus der Fernsehserie Star Trek benannt, und Schauspieler*innen der Serie waren 1976 beim Rollout anwesend.
Die moderne Wortmarke passte gut zu diesem noch spürbaren Optimismus. Sie wurde von Richard Danne und Bruce Blackburn gestaltet und ebenfalls 1976 eingeführt. Sie ersetzte das 1959 eingeführte NASA-Emblem von James Modarelli (den "meatball"/Fleischbällchen) und wurde schnell bekannt. Der Schriftzug prangte auf T-Shirts, Spielzeug und tauchte in der Popkultur auf. Selbst als Kind in der DDR, also im Ostblock, kannte ich den Schriftzug schon, bevor er 1992 wieder abgeschafft wurde. Bis 2020 war wieder der ältere "Meatball" das einzige Logo der NASA, für offizielle und feierliche Zwecke gibt es außerdem ein Siegel.
Die teilweise Wiedereinführung des "Wurms" 2020 wirkt wie eine symbolische Rückkehr zu der früheren, noch von Aufbruchsgeist bestimmten Zeit. Es ergänzt heute den "Meatball" und soll nur mit ihm gemeinsam auftreten – außer bei Merchandise-Produkten, also in Kontexten, die dazu dienen, die NASA als Marke weiter zu verankern (🔗 Marken-Richtlinien der NASA). Bei Artemis 2 war der 'Wurm' auf den beiden Booster-Raketen angebracht und prangt auch auf dem Orion-Raumschiff, das sich aktuell noch auf dem Weg zum Mond befindet.
Beim Anschauen des Livestreams vom Artemis-2-Start und der nach und nach verbreiteten Fotos des Raumschiffs stellt sich auch dank der alten Wortmarke sofort wieder ein Gefühl von Futurismus ein – das aber dennoch seltsam nostalgisch wirkt. Das ist ein Effekt, der schon 2019 in einem 🔗 Artikel in der Los Angeles Times angesprochen wurde: "The worm logo […] taps into the childhood wonder that generations of Americans have had about space." Und nicht nur Amerikaner; das Logo steht auf der ganzen Welt für die optimistische 'alles ist möglich'-Ära staatlicher Raumfahrt.
Die lassen auch Serien, Filme und Computerspiele immer wieder aufleben. Die Apple TV-Serie For All Mankind (seit 2019; die 5. Staffel ist gerade gestartet) zeigt eine alternative Raumfahrtgeschichte, bei der zwar die Sowjets als erste auf dem Mond landen, die NASA aber umso ambitioniertere Projekte verfolgt (zumindest, bis auch dort die Privatwirtschaft die NASA verdrängt). Die Verfilmung von Andy Weirs Buch Der Marsianer (2015, Regie: Ridley Scott) zeichnete ein fröhlich-optimistisches Bild der Behörde, deren Mitarbeiter*innen alles gelingt, solange sie nur genug nachdenken, hart arbeiten und international kooperieren. Und im Film Interstellar (2014, Regie: Christopher Nolan) wurde die NASA als im Verborgenen operierende Organisation zur Rettung der Menschheit imaginiert, die die Fackel der Wissenschaft weiterträgt (in einer USA, in der die Verschwörungstheorie der angeblich nie erfolgten Mondlandung als Fakt in der Schule gelehrt wird). Bei allen Problemen: Die NASA sind die Guten.
Das Computerspiel Starfield (2023, Bethesda) verfolgt einen visuellen Stil, der von Bethesdas Game Director Todd Howard als "NASApunk" bezeichnet wurde (eine absurde Bezeichnung, die mit Punk nichts zu tun hat); in dem Spiel besuchen Spieler*innen auch die verlassene NASA-Zentrale auf der zerstörten Erde, wo in einem Museum diverse Exponate echter Raumfahrt-Missionen ausgestellt sind, und stoßen immer wieder auf altes NASA-Merchandise.
Die NASA als Marke wurde und wird immer noch als 'cool' und irgendwie unpolitisch wahrgenommen (obwohl sie gerade das ja niemals war) und kann sich genauso gerade wieder inszenieren. Während Trumps erster Amtszeit sagte in dem o.g. L.A. Times-Artikel ein befragter Lehrer und Raumfahrtfan:
"It almost doesn't feel like it's part of the government, even though I know it is. […] It has its own mythology almost. It deals with space exploration – things that I feel the entire world could benefit from, not just our country."
Es ist genau diese Verführung zur Fehlwahrnehmung von NASA und Raumfahrt als unpolitisch, die auch im Livestream zum Start von Artemis 2 spürbar war. Doch an einer Stelle wurde sehr deutlich, dass es eben nicht mehr so ist wie früher.
4. America Feels Great Again
Der bereits zitierte L.A. Times-Artikel konstatierte 2019: "As it did in other times of political polarization, love of the space agency brings the nation together." Dass das auch heute funktioniert, zeigte sich auch im Artemis-2-Livestream.
Doch während der Großteil des Streams, wie gesagt, sehr vertraut und irgendwie 'wie früher' wirkte, wurde wie als Erinnerung daran, dass sich die Zeiten eben doch geändert haben, ein Video eingespielt, das klar machte, worum es der US-Regierung wirklich geht: Raumfahrt als Ausweis US-amerikanischer Vorherrschaft und Macht (🔗 YouTube-Aufzeichnung des Streams; der Einspieler geht von 5:01:42 bis 5:03:34).
Formal ist der Clip eine chronologische Zusammenstellung historischer Gemälde, Fotos und Videos. Historische Darstellungen der 'Gründerväter', Fotos von Bauarbeiten zur Erschließung des Landes, Videos von Kampfjets und Aufnahmen früherer Raumfahrt-Missionen werden in schnellen Schnitten aneinandergereiht (außerdem hat es irgendwie Caspar David Friedrichs "Der Wanderer über dem Nebelmeer" in einer beschnittenen und farblich gefilterten Version in das Video geschafft, obwohl doch eher 🔗 Alfred Bierstadts final frontier-Romantik passender gewesen wäre).
Der Clip ist eine auf Überwältigung angelegte Zusammenfassung von Leistungen, die sich die USA seit der Unabhängigkeitserklärung und Gründung vor 250 Jahren anrechnen. Eine um Erhabenheit bemühte männliche Stimme erzählt, wie außergewöhnlich die USA seien:
"the greatest and most enduring democracy in the history of the world […] we conquered vast frontiers […] we planted the American flag on the moon, the defining achievement of American superiority in space."
War in der Ankündigung des Clips durch die Moderatorin Megan Cruz noch von Erkundung oder Erforschung die Rede ("exploration"), sagt der Clip, worum es eigentlich geht: Eroberung ("we conquered"). Mit "vast frontiers" wird Bezug genommen auf die Vorstellung der letzten Grenze oder final frontier, und damit auf den Weg der Kolonist*innen von der Ostküste der USA in Richtung Westen. Ein Weg, bei dem die bereits dort lebenden Menschen durch die Eroberer*innen marginalisiert, unterdrückt und getötet wurden.
Und darauf will man sich nicht ausruhen, im Gegenteil. Der Sprecher des Clips sagt weiter:
"American exceptionalism isn't inherited. It's earned. Our greatness comes not only from what we've done, but what we're still determined to discover."
Der außergewöhnliche Status der USA sei nicht vererbt, er sei "earned", also erarbeitet und dadurch verdient. Raumfahrt in diesem Sinne dient nicht der friedlichen Erkundung des Weltalls für wissenschaftliche Zwecke oder zum Wohle aller Menschen und anderer Nationen. Heutige US-Raumfahrt ist unverbrämter als je zuvor eine Fortsetzung US-amerikanischer Eroberungsgeschichte.
Die NASA von früher – die optimistische, an Wissenschaft, Zusammenarbeit und bis vor kurzem auch an Diversität interessierte Marke, die in der Popkultur verbreitet wird und in der Inszenierung der Artemis-2-Mission noch einmal aufscheint – diese NASA gibt es aktuell nicht mehr. Über 4000 🔗 teils hochrangige Mitarbeiter*innen sind 2025 gegangen oder wurden entlassen. Das Weiße Haus will das Budget für wissenschaftliche Forschung erneut stark reduzieren, wie ausgerechnet jetzt bekannt wurde.
Früheres Bemühen um Diversität spielt auch keine Rolle mehr. Der früher vorhandene Hinweis auf der Website der NASA, dass mit Artemis 2 die erste Frau (Christina Koch) und die erste Person of Color (Victor Glover) zum Mond fliegen, wurde nach Trumps Amtsantritt gelöscht, und man kann vielleicht froh sein, dass die Zusammenstellung der Crew nicht auch noch geändert wurde.
5. Bilder der Erde: Earthrise und Blue Marble
Doch das spielt in den Medien gerade keine Rolle. Erstmal wird mit dem Abenteuer der langen Reise und mit schönen Fotos davon abgelenkt. Und die jetzt verbreiteten Bilder der Erde, blau strahlend in der sie umgebenden Finsternis, beeindrucken ja auch, ähnlich wie 1968 das "Earthrise"-Bild von Apollo 8-Astronaut William Anders. Das damalige Foto (🔗 Original im Apollo Image Atlas) wurde in Publikationen oft so gedreht und optimiert, dass der Eindruck des Erdaufgangs verstärkt wurde.
Das Foto zeigte den damaligen Betrachter*innen nicht nur, dass die Erde so winzig und doch unser aller Heimat ist. Es machte auch deutlich, dass wir nicht im Zentrum stehen – aus anderer Perspektive betrachtet ist unsere Heimat auch 'nur' eine andere Welt.
Auch das "Blue Marble" genannte Foto des Apollo-17-Astronauten Harrison Schmidt ermutigte ursprünglich zum Perspektivwechsel. In der Aufnahme der Erde war eigentlich der Südpol oben, es wird aber meist gedreht publiziert.
Obwohl der 'Wow'-Faktor durch unsere heutige Gewöhnung an oft viel dramatischere Bilder nicht mehr so groß sein dürfte wie zu Anders' Zeiten, könnten die neuen Fotos einen ähnlichen Effekt haben. Sie könnten uns nochmal daran erinnern, wie klein und verletztlich unsere Welt ist. In ihrem Buch Vita Activa beschrieb Hannah Arendt die Erde angesichts des "Sputnik-Schocks" 1957 als unsere Conditio Humana, als die wesentliche Bedingung, die für unsere Existenz als Menschen entscheidend ist. Die Erde ist die einzige Umgebung, in der alles für unser Leben und Überleben Notwendige natürlicherweise vorhanden ist.
Das Earthrise-Bild von Apollo 8 und das Blue-Marble-Foto von Apollo 17 machten diese Wahrheit emotional erfahrbar. Sie vermittelten ein Gefühl dafür, dass wir alle gemeinsam auf diesem kleinen blauen Planeten sind, der uns erst ermöglicht und uns schützt, in der endlosen kalten Schwärze des Alls. Bei vielen Menschen entstand ein Verständnis für die Notwendigkeit des Schutzes der Erde, ihrer Natur und ihres Klimas, sowie des Friedens zwischen den Menschen. All das ist alternativlos für unser Überleben.
6. Weltraumkolonien sind keine Alternative
Fantasien der Kolonisierung lebensfeindlicher Planeten und Monde dagegen, wie sie Longtermisten wie Elon Musk ernsthaft als langfristige Überlebensstrategie für unsere Spezies vertreten, können nur einen schwachen, menschenunwürdigen Ersatz zur Erde anbieten. Doch genau so etwas ist das Endziel des Artemis-Programms. Mit Artemis 5 soll Ende 2028 mit dem Bau einer Mondbasis begonnen werden, und Musks Starship-Projekt soll dabei eine wesentliche Rolle spielen. Diese Basis soll dann auch den Flug zum Mars erleichtern.
Für rein wissenschaftliche Zwecke, für Grundlagenforschung durch Wissenschaftler*innen für eine begrenzte Zeit, könnten Außenposten auf anderen Welten auch durchaus interessant sein, und der Mond kann dafür Übung und Sprungbrett sein. Aber dem derzeitigen Mondprogramm 🔗 geht es am Ende vor allem um Ressourcenabbau und um politische Vorherrschaft (v.a. im Vergleich zu Chinas Ambitionen im All).
Akteure wie Musk und auch Bezos (der Fabriken ins All verlagern möchte) wollen freilich vor allem Geld verdienen und ihre Konzerne unverzichtbar machen. Menschen, die sich auf so etwas einlassen würden, wären gefangen in engen Habitaten, der Herrschaft von Konzernen ausgeliefert. Die ersten echten Siedlungen im Weltall dürften Firmenstädte in privater Hand sein, ähnlich der 🔗 Privatstadt Próspera in Honduras.
Schon jetzt maßt sich Musk übrigens an, in den Nutzungsbedingungen des von SpaceX betriebenen (u.a. für die Ukraine in der Verteidigung gegen Russlands Angriffe wichtige) Kommunikationssystems Starlink festzulegen, dass eine Marskolonie von der Erde unabhängig sein und nach eigenen Regeln betrieben werden wird. Wer die 🔗 Starlink-AGBs akzeptiert, stimmt zu. Das ist absurd, aber zugleich gefährliche Wirklichkeit.
7. Nicht in die Falle des scheinbar Unpolitischen tappen
Aufgrund dieser Zusammenhänge ist es geboten, die Berichterstattung zur Artemis-2-Mission und, falls sie denn stattfinden, den künftigen Missionen Artemis 3 (2027, Test der von SpaceX oder Blue Origin gebauten Landefähre im Erdorbit), Artemis 4 (2028, erste Mondlandung) und Artemis 5 (2028+, erste Schritte zum Aufbau einer Mondbasis) nicht einfach staunend hinzunehmen. Nicht in die Falle zu tappen, die Berichterstattung und Bilder aufmachen.
Denn weder dem Trump-Regime noch wirtschaftlichen Akteuren wie SpaceX/Musk und Blue Origin/Bezos geht es ja um die Faszination für die Erde als unsere gemeinsame verletzliche Heimat. Geschweige denn um Ehrfurcht und Demut vor dieser Erkenntnis. So etwas liegt den gerade die US-Raumfahrt bestimmenden Akteuren fern.
Der oben beschriebene Videoclip, der den so schön nostalgischen Livestream unterbrochen hat, macht ganz deutlich, was das Ziel ist: Raumfahrt als Ausweis der eigenen Dominanz und Eroberung und Ausbeutung des Alls, in 'bester' zynischer Tradition der Eroberung des amerikanischen Kontinents.
An diesem Ziel arbeitet die oft als erstaunlich unpolitisch wahrgenommene NASA jetzt vorwiegend mit (und – mitgehangen, mitgefangen – leider auch ihre Partner in Europa, Kanada und Japan), statt mit aller Kraft wissenschaftliche Programme in Klimaforschung, Astrophysik und Astronomie voranzutreiben. Wenn Artemis 2 einen Wert hat, dann den, uns erneut an die Verletzlichkeit der Erde zu erinnern und alles zu tun, sie zu schützen; aber nicht dank, sondern trotz der jetzigen US-Regierung und ihrer Weltraumbehörde.
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