ÜBERSTROM

Buch-Rezension

Annekathrin Kohout: "Hyperreaktiv: Wie in sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird"

von Uta Buttkewitz

03.03.2026

Die Kulturwissenschaftlerin Annekatrin Kohout hat ein ungemein wichtiges Buch zur richtigen Zeit geschrieben: Sie fragt sich, warum wir es in sozialen Medien auf sogenannte "Hyperreaktionen" anlegen anstatt wie im analogen Alltag zu kommunizieren. Über/Strom-Herausgeberin Uta Buttkewitz hat das Buch gelesen.

Nahaufnahme zweier Hände, die ein Smartphone halten; darüber sind rote Symbole gelegt: Daumen runter, wütender Smiley, kantige Sprechblase mit dem Inhalt '!?#FxxX??#!!', was wütende Irritation ausdrückt.

Bild: Shutterstock / tete_escape

Annekatrin Kohout untersucht, warum wir in sozialen Medien nicht wie im analogen Alltag bzw. in der analogen Kommunikation antworten bzw. reagieren, sondern stattdessen hyperreagieren. Einfacher ausgedrückt, könnte man fragen, warum wir auf Social Media so oft jedes Wort auf die Goldwaage legen. Die Antwort: Solche "Hyperreaktionen" werden eingesetzt, um die Deutungsmacht zu gewinnen bzw. sie zu erhalten.

Kohout versucht sich an der Analyse des Widerspruchs, warum wir einerseits den sozialen Medien passiv ausgeliefert zu sein scheinen, wir aber andererseits auch selbst Nachrichten aktiv produzieren und senden können – wir diese Möglichkeit jedoch nicht als Befreiung aus gesellschaftlichen Zwängen verstehen können, sondern uns den Algorithmen und der Funktionsweise der sozialen Medien unterwerfen (müssen).

Nach der Lektüre des Buches frage ich mich zum wiederholten Male, warum es nur so weit kommen konnte, dass wir uns freiwillig so sehr von der digitalen Kommunikation abhängig gemacht haben und uns damit einen enormen zusätzlichen Druck auferlegt haben. Kohout spricht von einer "Reaktionskultur", in der wir uns im digitalen Raum verfangen haben. Es scheint so, als wenn auch die Politik und Journalist*innen nicht mehr proaktiv Themen setzen, sondern nur noch reagieren, überlegt Kohout. Die eigentlichen Themensetzungen und Debatten finden fast ausschließlich im digitalen Raum statt. Es ist nicht so, dass die User*innen nicht über die Algorithmen, Fake News oder die selbstreferentiellen Diskussionsschleifen in den sozialen Medien reflektieren – aber letztendlich lassen es alle geschehen und alle ordnen sich dem unter.

Kritisches Nachfragen gebe es nicht mehr, so Kohout, sondern jedes Wort, jedes Symbol oder jede Geste unterliegt der Gefahr, "hyperinterpretiert" zu werden, in dem Sinne, dass man diese bewusst umdeutet, mit einer negativen Konnotation belegt, sodass man auf zerstörerische Art und Weise einen Post für die eigene Deutung oder Mission missbrauchen kann. Ihre These zur Hyperinterpretation untermauert Kohout mit beispielhaften Analysen von Postings von Greta Thunberg, Joe Biden und Elon Musk. Die Autorin konstatiert:

"Die technischen Systeme des Feedbacks haben sich so zu sozialen Systemen entwickelt, die unsere Online-Kommunikation fundamental prägen. Sie haben eine neue Form der digitalen Sozialität geschaffen, in der das Geben und Empfangen von Feedback nicht mehr optional, sondern zur Grundbedingung der Teilhabe geworden ist" (Kohout, S. 23).

Ohne Feedback können wir nicht mehr existieren, bzw. ohne Feedbackschleifen wären auch die sozialen Medien tot. Wir sind es, die diese Mechanismen am Laufen halten. Und diese Feedbackkultur gewinnt auch immer mehr Einfluss in die analoge Welt. Unentwegt zu kommentieren, gilt mittlerweile zum guten Ton und wird allgemein als gute Kommunikationskultur anerkannt. Merkwürdigerweise wirken die meisten Menschen momentan so gestresst, gereizt, nervös und überfordert wie lange nicht mehr. Diese Beobachtung nährt den Verdacht, dass die "Reaktionskultur" in den sozialen Medien das gesunde Maß überschritten hat.

Reaktionsdruck

Annekathrin Kohout beschreibt den Druck, den die Reaktionskultur auf die User in den Sozialen Medien auslöst, immer reagieren zu müssen, dreimal zu überlegen, was man antwortet und kein (politisches) Statement unbeantwortet stehen zu lassen. Die Frage ist jedoch – ist das wirklich so?

Wenn man sich nicht zu sehr von den digitalen Medien leiten lässt, kann man ganz gut auch ohne die Reaktionskultur leben. Entscheidend ist hier meines Erachtens, ob man eine öffentliche Person ist oder sich zu sehr vom Außen leiten lässt und sich auf die reaktiven Feedbackschleifen einlässt, aus denen man sich dann schwer befreien kann, da die Reaktionen in Echtzeit eingehen und dann auch genauso schnell auf eine Reaktion warten.

Das "Liken" hat seine Unschuld verloren. Laut Kohout ist es nicht mehr als rein "positivistischer Akt" zu verstehen, wie es Byung Chul Han beschrieben hat, sondern als eine sehr wohl überlegte Reaktion, die strategisch eingesetzt wird, da wir uns in einem öffentlichen Raum bewegen:

"Die ursprünglichen Hemmungen gegenüber dem Veröffentlichen sind einer regelrechten Reaktionserwartung gewichen. Doch die Entwicklung von einer zurückhaltenden Publikationskultur zu einer allgegenwärtigen Reaktionskultur hat die digitale Öffentlichkeit verändert. Es hat sich ein Kommunikationsmodus herausgebildet, der oft aggressiver und konfrontativer ist als eigenständige Äußerungen" (Kohout, S. 61).

Annekathrin Kohout macht die ganz entscheidende Beobachtung, dass der mündliche Charakter der digitalen Kommunikation interessanterweise wie ein schriftlich fixierter Text behandelt wird, was im Prinzip ja auch richtig ist, da jede Sprach- und Textnachricht gespeichert wird. Diese "potenzielle Schriftlichkeit der Kommunikation" verhindert allerdings den dialogischen, offenen und wechselseitigen Charakter einer analogen mündlichen Kommunikation, in der die Gesprächspartner*innen grundsätzlich offen für anderen Meinungen sind und Wahrheiten argumentativ ausgehandelt werden. Kohout nennt es "Hyperinterpretation", wenn digitale Inhalte im eigenen Interesse bewusst missinterpretiert werden und "kontroverse Deutungen" von Algorithmen belohnt werden, indem diese Posts eine größere Sichtbarkeit erhalten.

Nervöse Menschen

Von der Hyperinterpretation schlägt die Autorin die Brücke zum hyperreaktiven Menschen, der mit dem Smartphone eine Symbiose eingegangen ist. Das Gerät ist ständig mit dem Menschen verbunden, wird vielfach sogar mit ins Bett genommen und kann als eine Körpererweiterung im Sinne von Marshall McLuhan verstanden werden, der diese Theorie in seinem Buch "Understanding Media" erörterte.

Kohout zieht Verbindungen zum viel beschriebenen nervösen Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts oder auch zum flexiblen Menschen, der sich an das beschleunigte Leben im globalen Kapitalismus anpassen muss (vgl. Richard Sennett: "Der flexible Mensch", 1998). War der Mensch vor dem Fernseher vor allem ein passiver Konsument, fühle sich der Mensch im digitalen Zeitalter zu einer ständigen Reaktion berufen. Kohout sieht zum Beispiel auch die steigenden Selbstdiagnosen von ADHS in diesem Zusammenhang. Auch die Zunahme bzw. das Gefühl, unter Hypersensibilität zu leiden, könnte man in diesen Zusammenhang stellen. Alle diese Diagnosen sind Ausdruck einer stetigen Überforderung von Reizen und dem Druck, immer reagieren und sich positionieren zu müssen.

Byung Chul Han beschreibt in seinem Buch "Sprechen über Gott. Ein Dialog mit Simone Weil" (2025) die "digitalisierte Welt" als eine "vermenschlichte Welt […], die wir gleichsam mit unserer eigenen Netzhaut überzogen haben. […] Im Digitalen begegnet der Mensch nur noch sich selbst" (Han, S. 93). In dieser Aussage verbirgt sich der geniale Gedanke, dass wir uns in unserer isolierten Kommunikation mit der digitalen Welt keiner unverfälschten Realität gegenübersehen, sondern den sich ständig wiederholenden Aussagen unserer Mitmenschen. Das führt zur Verunsicherung des eigenen Seins.

Digitale Zyniker

In dem Zusammenhang ist eine weitere Beobachtung Kohouts erschreckend, nämlich dass "nicht mehr allein wissenschaftliche, künstlerische oder journalistische Instanzen definieren, was als gültige Deutung gilt – sondern das Zusammenspiel aus algorithmischer Sichtbarkeit, affektiver Anschlussfähigkeit und institutioneller Anschlussbereitschaft beziehungsweise -notwendigkeit." (Kohout, S.156). Sie beschreibt unter dem Rückgriff auf Peter Sloterdijk den "digitalen Zyniker", dem es nicht um einen konstruktiven digitalen Austausch geht, sondern um die Darstellung der eigenen moralischen Überlegenheit, um die Fähigkeit, alles zu durchschauen, um Pose und natürlich um Klicks und Follower.

Am Ende des Buches plädiert Kohout dafür, sich über unterschiedliche Wahrnehmungsweisen und Deutungsdifferenzen zu verständigen und öfter das Gespräch zu suchen, anstatt jedes Wort oder jeden Blick des Anderen gleich unter Verdacht zu stellen.

Das Buch "Hyperreaktiv: Wie in sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird" von Annekathrin Kohout ist im September 2025 bei Wagenbach erschienen und kostet 18,00 EUR (Print) bzw 15,99 EUR (E-Book).

 

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