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Philosophie

Der Wal im Livestream. Über Einfühlung als Deutung und die Fremdheit des Tieres

von Justin Nolte

08.09.2026

Im Sommer 2026 erregte ein vor der deutschen Ostseeküste gestrandeter Buckelwal für Aufsehen. Die mediale Berichterstattung brachte den unerwarteten Besucher vielen Menschen näher, und die Rettungsversuche zeigten, dass Menschen sich in das fremde Tier einfühlen. Der Philosoph Justin Nolte argumentiert in diesem Gastbeitrag, dass dabei menschliche Deutungen dominierten und die Situation des Wals nicht ernst genug genommen wurde.

Aquarell eines graublauen Buckelwals, der von links nach rechts schwimmt; der Hintergrund ist weiß mit einigen rosa und blauen Flecken

Bild: kate_1209 / Shutterstock (ID: 2427715777)

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Ein Körper ragt aus dem Wasser. Die Haut wirkt dunkel und angegriffen, der sichtbare Rücken nur wie ein Ausschnitt von etwas viel Größerem. Es ist ein Buckelwal, 12,35 Meter lang, der im flachen Wasser der Ostsee liegt. Dort passt er nicht ins Bild. Jedenfalls nicht in das Bild, das viele von uns von Walen haben: Sie gehören in die offene See, in die Ferne oder als Teil einer Naturdokumentation. Doch nicht in eine Bucht der Ostsee!

Am 3. März 2026 wurde der Wal erstmals im Raum Wismar gesichtet. Er war in einem Fischereigerät verfangen, strandete später mehrfach und wurde schließlich ins Skagerrak (östlicher Teil der Nordsee zwischen Norwegen und Dänemark) gebracht, wo man ihn freiließ. Am 15. Mai wurde 🔗 er an der dänischen Küste tot aufgefunden. Dazwischen lagen Wochen öffentlicher Aufmerksamkeit. Der Wal erschien in Livestreams, Videos und Interviews, bekam Namen ("Timmy", "Hope", "Fridolin") und wurde zum Gegenstand verschiedenster Diskussionen. In dieser Zeit war er Patient, Politikum und Symbol.

Krise der Sensibilität

Der Philosoph Baptiste Morizot beschreibt eine "Krise der Sensibilität" für westliche moderne Gesellschaften. Nichtmenschliches Leben sei für diese Gesellschaften zur Kulisse, zur Ressource oder zur Projektionsfläche geworden. Lebewesen sind da, treten aber kaum als individuelle Wesen hervor (Morizot, Baptiste: Arten des Lebendigseins. Annäherung an das verwobene Leben. Berlin 2024, S. 17). Der Wal vor Wismar durchbrach diese Perspektive. Sein Körper lag dort, wo unsere Ordnungen keinen Platz für ihn vorgesehen hatten. Doch mit seiner Sichtbarkeit begann auch seine Verwandlung. Bald sah man weniger den Wal als das, wofür er stehen sollte. Aufmerksamkeit scheint also nicht automatisch diese "Krise der Sensibilität" zu lösen.

Die mediale Übertragung durch beispielsweise Livestreams spielt dabei eine besondere Rolle. Sie stellte Nähe her, ohne dass eine Begegnung möglich ist. Man konnte den Wal beobachten, wann immer man wollte, zurückspulen, einzelne Bewegungen prüfen, Atemzüge zählen usw. Das Bild war jederzeit verfügbar. Der Wal selbst war es nicht.

In einer direkten Begegnung kann eine Erfahrung hervortreten, die ich hier als Fremdheit bezeichne. Fremdheit meint nicht Unwissen. Über Buckelwale lässt sich viel lernen: ihre Anatomie, typisches Verhalten, Essensgewohnheiten usw. Fremdheit bezeichnet aber etwas anderes. Es ist der Abstand, der trotzdem bleibt. Das Innenleben eines anderen Lebewesens kann niemals vollständig in meinen Beobachtungen aufgehen. Es zeigt sich in Lauten und Bewegungen, entzieht sich mir aber soweit, dass ich niemals mit Sicherheit sagen kann, was "im Inneren" des Anderen vorgeht.

Die Verwechslung des Bildes mit dem Individuum

Der Andere ruft mich auf diese Weise zum Antworten, zum Verstehen auf, ohne, dass ich es je vollständig verstehen kann. In direkter Begegnung mit einem solch imposanten Lebewesen wie dem Buckelwal ist die Fremdheitserfahrung natürlich deutlich einfacher erkennbar als bei einem weniger imposanten Lebewesen wie beispielsweise einem Hamster. Ein Helfer beschrieb den Moment im 🔗 Beitrag "Buckelwal-Odyssee" der ZDF heute-Nachrichten so: "Da erschreckt man sich natürlich, wenn da so eine Flosse einmal hochkommt und man damit getroffen wird." Selbst der geschwächte Wal blieb ein Gegenüber, das die Ordnung der Helfenden stören konnte.

Vor dem Bildschirm jedoch ist diese Störung abgeschwächt. Die Fremdheitserfahrung kann gar nicht so sehr hervortreten. Der Wal blieb schließlich innerhalb des Bildausschnitts. Er konnte den Deutungen über sein Innenleben nicht durch Handlungen widersprechen. Die mediale Ordnung machte ihn also sichtbar, aber hielt ihn zugleich auf Distanz. Sie erzeugte eine Nähe, in der man berührt sein konnte, ohne dem Tier tatsächlich ausgesetzt zu sein. So wurde das Bild leicht mit dem Tier als Individuum verwechselt.

Es ist jedoch auch in der direkten Begegnung nicht selbstverständlich, das andere Tier als Fremden zu erkennen. Wäre das der Fall, würde dieser Artikel wohl nicht existieren. Der Grund dafür liegt in einem Fehlschluss der Erfahrung. Es ist nämlich keinesfalls so, dass wir nicht in der Lage wären, Rückschlüsse auf das Innenleben des anderen ziehen zu können. Unser Erleben geht ja sogar weiter. Wir können Mitgefühl mit dem Anderen haben, wir können vom Anderen ergriffen werden, wir können uns in ihn "einfühlen". Ein Beispiel ist die Aussage einer der Besatzungsmitglieder, die den Wal in den Atlantik gebracht haben. Diese sagte in dem erwähnten Nachrichtenbeitrag, sie habe den Wal nachts "weinen hören". Aus einem Laut des Wales wurde der Ausdruck einer Emotion. Dies bezeichne ich hier als Einfühlung: der Versuch, die Welt vom Anderen her zu sehen, sich in ihn "hinein zu fühlen".

Situation und Einfühlung

Einfühlung ist nicht per se etwas Schlechtes. Sie kann ein Tier aus der Kulisse lösen und als einzelnes Wesen sichtbar machen. Problematisch wird sie, sobald die eigene Deutung als gesichertes Wissen auftritt. Wir versetzen uns nie von einem neutralen Standpunkt aus in ein Tier hinein, sondern immer verankert in einer menschlich-leiblichen Situation. Der Begriff Situation wird hier nach dem Neophänomenologen Hermann Schmitz verstanden als chaotisch-mannigfaltiges, nicht auf einzelne Aspekte reduzierbares Ganzes aus Sachverhalten, Programmen und Problemen. Die menschliche Situation muss keineswegs diesselbe sein wie die des anderen Tieres.

Das heißt nicht, dass die Erkenntnisse so eines einfühlerischen Prozesses automatisch falsch wären. Dieser Artikel will auch nicht argumentieren, auf radikalen Abstand zum Anderen zu gehen, da man ja sowieso nichts über ihn mit Sicherheit feststellen könnte. Er will nur darauf hinweisen, dass die unterschiedliche Situation von Mensch und Tier oft nicht berücksichtigt wird.

So wurden im Lauf der Berichterstattung verschiedenste Aussagen über den Wal getroffen, die sich widersprechen. Der Meeresbiologe Robert-Marc Lehmann urteilte in der genannten Sendung nach einem direkten Kontakt mit dem Wal: "Es geht ihm schlecht. Er hat richtig Angst […] Aber es ist noch Leben drin und er hat vorhin ein paar Flossenschläge gemacht." Ein anderer Beteiligter deutete ähnliche Reaktionen als "ein ganz klares Zeichen, dass er gestresst ist und er lieber alleine gelassen werden möchte".

Diese Einschätzungen waren nicht beliebig. Sie wurden, so hoffe ich es zumindest, nach reiflicher Überlegung und Beobachtung getroffen, und von Personen, wie auch immer man im Speziellen zu ihnen steht, die über eine fachliche Expertise verfügen. Gerade ihr Widerspruch zeigt jedoch die Lücke zwischen einem sichtbaren Zeichen und dem Innenleben des anderen Tieres. Ein Flossenschlag konnte als Lebenswille gelten oder als Abwehrreaktion unter Stress.

Verschwinden hinter Deutungen

Daraus folgt nicht, dass Wissen über Tiere wertlos wäre. Verhaltensforschung und Tiermedizin können Projektionen korrigieren. Wo die Hoffnung sagt: Er kämpft, kann die Biologie einwenden: Vielleicht ist es eine Stressreaktion. Wo manche meinen, der Wal nehme Hilfe an, kann wissenschaftliche Überlegung daran erinnern, dass er womöglich zu erschöpft ist, um sich zu wehren. Wissen schützt das Tier vor unseren Wünschen. Reduktiv wird es erst, wenn aus einer begründeten Deutung eine vollständige Vereinnahmung wird.

Gerade darin liegt das Problem. Der gestrandete Wal wurde sichtbar, weil er unsere Ordnungen durchbrach, verschwand jedoch wieder in den vielfachen Deutungen und Antworten, die auf diesen Ordnungsdurchbruch folgten. Der Livestream hatte dabei eine doppeldeutige Dynamik. Er machte den Wal für viele Leute erst sichtbar und konnte dadurch erst viele mit dieser Fremdheitserfahrung des Ordnungsbruches (Der Wal gehört dort nicht hin. Was macht er da?) konfrontieren. Andererseits schuf er auch einen Abstand, der es einfach machte, das andere Tier in Symboliken/Deutungen aufzulösen, da ja niemals die Lücke zwischen unseren Einfühlungsversuchen und dem tatsächlichen Innenleben des anderen Tieres hervortreten hätte können.

Sobald der Wal nur noch als Symbol erscheint, löst er sich in der Totalität der Erzählungen auf. Der Meeresbiologe und Greenpeace-Aktivist Thilo Maack formulierte es hart: "Hier geht es gar nicht mehr wirklich um den Wal, sondern […] nur noch um das Narrativ, das Bedienen von Geschichten, die sich hier gegenseitig erzählt werden".

Spannung aushalten

Das Schließen der "Fremdheitslücke" hat etwas Tröstliches. Ich müsste mich nicht mit der Spannung konfrontiert sehen, dass ich nicht weiß, warum der Wal das getan hat, was er getan hat. Ich weiß ja, dass … (hier kann jede Begründung stehen). Und vielleicht liege ich ja mit der jeweiligen Erklärung gar nicht so falsch. Die Fremdheit bleibt jedoch.

Eine andere Haltung müsste diese Spannung aushalten. Sie sollte das Fremde als Aufruf zur Zuwendung begrüßen, ohne jedes Zeichen sofort zu übersetzen. Sie müsste Einfühlung als Weg der Zuwendung verstehen, ohne sie mit Wissen zu verwechseln, und Fremdheit nicht als Defizit behandeln, das schnell verschwinden soll.

Vielleicht liegt darin die angemessenere Antwort auf den Wal und jedes andere Lebendige: Ihn ernst zu nehmen, ohne zu behaupten, ihn ganz verstanden zu haben.

 

Justin Nolte ist Philosoph und Autor. Er hat kürzlich sein Studium der Philosophie des Sozialen mit einer Masterarbeit zum phänomenologischen Begriff des Fremden abgeschlossen. Der Autor lebt in Rostock.

 

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